Ein de’ignis-Fachartikel zum Krankheitsbild „Trauma“ mit wissenswerten Informationen zu den verschiedenen Typen von Traumatas, den Behandlungsmöglichkeiten und das Grundprinzip der Therapieform „Imagery Rescripting & Reprocessing Therapy (IRRT)“.

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Wenn die Seele unter einem Trauma leidet

Wenn es um seelische Gesundheit geht, so haben zwei Begriffe in unserer Gesellschaft aktuell Hochkonjunktur: der eine Begriff heißt Burn-out, der andere heißt Trauma. Im folgenden Text wird auf den Begriff Traumata eingegangen und dessen Grundzüge erläutert. Zunächst eine Vorbemerkung:

Es ist grundsätzlich begrüßenswert, dass das Thema seelische Gesundheit gesellschaftsfähig geworden ist. Was vor 25 Jahren noch ganz schwierig war, ist heute schon weit eher möglich. Wir erfahren zunehmend auch von Prominenten, dass sie wegen psychischer Probleme – zum Beispiel einer Depression – in fachärztlicher Behandlung waren. Es ist nicht mehr automatisch der Anfang vom Ende des eigenen Ansehens, sich mit einer Erkrankung im psychischen Bereich auseinanderzusetzen.

Eine Begrifflichkeit wie das Burn-out-Syndrom kann in diesem Zusammenhang als hilfreich betrachtet werden: Es gilt nicht als unschicklich, angesichts der Fülle von Aufgaben und Aktivitäten, in die sich der einzelne Mensch hineingestellt sieht, auch einmal auszubrennen. Man hat sich einfach überarbeitet – das kann schließlich jedem passieren und ist ethisch nicht verwerflich. (Dass Burn-out keine medizinische Diagnose ist, sondern im Einzelfall anhand der diagnostischen Kriterien konkreten spezifisch beschreibbaren psychischen und psychosomatischen Krankheitsbildern zugeordnet werden muss, steht auf einem anderen Blatt Papier. Dies wollen wir hier nicht weiterverfolgen.)

Der zweite Begriff mit Hochkonjunktur lautet Trauma. Nicht ohne Grund: Im Rahmen der Flüchtlingszuwanderung in unser Land sprechen wir zu Recht von traumatischen Erfahrungen, die die große Mehrheit dieser Menschen hinter sich hat. Und auch schon vor der sog. „Flüchtlingswelle“ lässt sich feststellen: Manch eine Erfahrung in unserem Land wird ebenfalls zu Recht als Trauma bezeichnet. Dabei denkt man im klinischen Kontext insbesondere an Gewalterfahrungen, oft sexueller Art, und leider oft schon in der Kindheit erlitten. Regelmäßig behandeln wir Patientinnen und Patienten, die an konkreten Traumafolgestörungen leiden. Parallel dazu gibt es aber auch eine Verwendung des Begriffes im Alltag, die eher inflationären Charakter hat: Wenn ich schmerzliche Erfahrungen jeder Art von vornherein als traumatisch bezeichne, bewege ich mich außerhalb des klar abgegrenzten Rahmens der medizinischen Definition. Deshalb an dieser Stelle zunächst einmal ein Blick auf eben diese Definition.

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Definition und Typen von Traumata

Unter einem Psycho-Trauma (griech. traúmatos: „Verletzung, Wunde“) versteht man ein kurz- oder lang anhaltendes belastendes Ereignis von außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmaßes, das bei nahezu jedem (Betroffenen oder Beobachter) eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde. (Weltgesundheitsorganisation, ICD-10)
Man unterscheidet zum einen zufällig auftretende von gezielt menschlich verursachten Traumata, zum anderen einmalig oder kurz einwirkende (Typ 1-Trauma) von wiederholt oder über einen längeren Zeitraum einwirkende Traumatisierungen (Typ 2-Trauma). Eine Sonderkategorie stellen medizinisch bedingte Traumata dar.

Typ 1-Trauma (einmalig/kurz)

Zufällig auftretend:
 • Schwerer Verkehrsunfall
 • Berufsbedingt (Polizei, Feuerwehr, Armee (Soldaten), Rettungsdienst etc.)
 • Naturkatastrophe (z. B. Wirbelsturm)

Gezielt menschlich verursacht:
 • Vergewaltigung
 • Körperliche Gewalt
 • Banküberfall
 • Zeuge eines Mordes

Typ 2-Trauma (mehrfach/lang)

Zufällig auftretend:
 • Naturkatastrophe (z. B. Erdbeben, Überschwemmungen/Hochwasser)
 • Technische Katastrophe (z. B. Giftgas)

Gezielt menschlich verursacht:
 • Sexueller Missbrauch
 • Kriegserleben (bspw. bei Soldaten)
 • Geiselhaft
 • Folter

Medizinisch bedingtes Trauma

Zufällig auftretend:
 • Lebensgefährliche Erkrankung
 • Medizinische Eingriffe

Gezielt menschlich verursacht:
 • Schwere Komplikationen nach Behandlungsfehler

Die Wahrscheinlichkeit zur Entwicklung einer Traumafolgestörung ist bei Typ 2-Trauma wesentlich höher als bei Typ 1-Trauma.
Eine solche Einteilung ist hilfreich zum Verständnis der jeweiligen Hintergründe, beantwortet jedoch noch nicht die Frage nach einer zielführenden Behandlung. Hier wurden in den letzten 25 Jahren erhebliche Fortschritte erzielt und eine Reihe von Methoden entwickelt, die sich zum Teil verblüffender Wirksamkeit erfreuen.

Juttaschnecke / photocase.de

Welche Traumafolgestörungen gibt es?

Zu nennen sind neben der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) diverse Formen von Angststörungen, Depression und Suchterkrankungen. Schlafstörungen treten häufig auf. Während es für Ängste, Depressionen und Süchte vielfältige Ursachen gibt, ist die kausale Zuordnung bei der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) eindeutig: Sie wäre ohne das Vorliegen der Traumatisierung(en) nicht aufgetreten.

Drei Kernsymptome kennzeichnen das klinische Bild: Intrusionen (unwillkürliche Nachhallerinnerungen, sogenannte Flashbacks – der „alte Film“ läuft ab –, Albträume) Konstriktionen (Vermeidungsverhalten, Auslöser, die den „alten Film“ in Gang setzen könnten, werden gemieden; allgemeiner sozialer Rückzug) und psychovegetative Über-Erregung mit vermehrter Schreckhaftigkeit, Reizbarkeit, geringerer Stressbelastbarkeit (auch somatische Symptome wie erhöhter Blutdruck können sich hinzu gesellen).

AllzweckJack / photocase.de
Sie benötigen Hilfe?

Bei de’ignis können Sie abseits der Anforderungen und Belastungen des Alltags eine intensive psychotherapeutische Behandlung in Anspruch nehmen, die auf Körper, Seele und Geist ausgerichtet ist. Versorgt von einem multiprofessionellen Team mit Angeboten, die sowohl der Hilfe in Ihren Nöten wie der Erholung dienen, bieten wir Ihnen in unseren Klinikabteilungen im schönen Schwarzwald beste Voraussetzungen für Ihre Genesung. Erfahren Sie mehr über unsere Angebote!

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Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Ende der 1990er Jahre haben wir in der de’ignis-Fachklinik angefangen, uns näher mit Traumatisierungen und deren gezielter Behandlung zu beschäftigen. Seitdem haben wir viel hinzugelernt. Zum einen hat es in diesem Zeitraum eine erhebliche Vertiefung und Erweiterung des verfügbaren Wissens über die neurobiologischen Hintergründe von Traumafolgestörungen gegeben. Zum anderen wurden gezielte Behandlungsverfahren (weiter-) entwickelt und evaluiert, die eine gezieltere und effektivere Hilfe ermöglichen. IRRT ist ein Beispiel dafür.

Im Laufe der letzten ca. 25 Jahre haben sich eine Reihe von Verfahren bewährt. Es sind z.B. spezielle verhaltenstherapeutische Verfahren wie IRRT (Imagery Rescripting & Reprocessing Therapy); EMDR (Eye Movement Desensitization & Reprocessing), das mit bilateraler Stimulation der Hirnhemisphären arbeitet; die Bildschirmtechnik (imaginatives Verfahren, der „innere Film“ wird in der Vorstellung auf einen Bildschirm projiziert und dort bearbeitet); bestimmte Ansätze der Hypnotherapie sowie modifizierte dynamische Psychotherapie.

Entscheidend bei allen diesen Verfahren ist der Aspekt der Passung und der Aspekt der therapeutischen Beziehung: nur in einer vertrauensvollen Arbeitsbeziehung (die erst durch konkrete Erfahrungen aufgebaut werden kann) ist eine sinnvolle Arbeit am Trauma möglich, und das gewählte Verfahren muss zum konkreten Patienten mit seiner Störung passen.

Ambulante oder stationäre Behandlung? Was ist sinnvoll?

In der Regel ist bei Typ 1-Traumata eine ambulante Behandlung ausreichend. Bei Typ 2-Traumata ist meist eine Kombination sinnvoll: längerfristige ambulante Begleitung, in deren Verlauf zu Beginn oder später eine stationäre Intensivbehandlung stattfindet. Letzteres kann auch auf mehrere Male verteilt werden, wenn der Einzelfall das erfordert.
Grundsätzlich kann eine Behandlung aber sowohl ambulant als auch stationär erfolgen. Das muss im Einzelfall entschieden werden und richtet sich zum einen nach dem Schweregrad der Störung, aber auch nach den günstigen oder ungünstigen psychosozialen Bedingungen am Wohnort des Patienten.
Auch spielt die Verfügbarkeit eines ambulanten spezifisch traumatherapeutischen Behandlungsangebotes eine wichtige Rolle (nur ein kleiner Prozentsatz der niedergelassenen ärztlichen oder psychologischen Psychotherapeuten verfügt über eine qualifizierte traumatherapeutische Weiterbildung).

AYAimages / Adobe Stock

Was versteht man unter „IRRT“?

Das Grundprinzip der IRRT stützt sich auf die Selbstheilungskräfte unserer Psyche, die uns mit auf den Weg gegeben sind, ähnlich wie im körperlichen Bereich die Wundheilung ein völlig natürlicher Prozess ist. Und genau wie die Wundheilung durch Infektionen oder Frakturen kompliziert werden und zu einem dysfunktionalen Ergebnis führen kann, ist es auch mit der Verarbeitung schwieriger und/oder potenziell traumatischer Lebensereignisse.

Wenn wir in der Chirurgie einen ungut zusammengeheilten Knochen wieder aufschneiden und in gerader Richtung zusammenfügen, sind wir bei der erwarteten Besserung nach der Operation wieder auf die Selbstheilungskräfte angewiesen. Analog lässt sich ein IRRT-Behandlungsprozess mit einer kleinen Operation vergleichen. Ungut zusammengewachsene „Seelenteile“ werden aus der Fixierung gelöst und in einer günstigeren Weise zusammengefügt. Außerdem werden die psychischen Selbstheilungskräfte angeregt.

Literatur

Mervyn Schmucker, Rolf Köster: Praxishandbuch IRRT. Klett Cotta, 2014

Grundsätzliches zur Traumatherapie

Nicht immer ereignen sich dramatische Besserungen, und nicht immer lässt sich eine IRRT-Behandlung innerhalb von nur drei spezifischen Konfrontationssitzungen zu einem Abschluss bringen (dazwischen finden auch „reguläre“ Therapiegespräche statt). Und nicht immer ist die Zeit reif für eine solche Intervention.

Eine fachlich seriöse Herangehensweise an die Behandlung von Traumata ist folgende: Zunächst erfolgt eine gezielte Diagnostik. Liegt überhaupt eine Traumafolgestörung vor? Die Tatsache erlebter (sexualisierter oder nicht sexualisierter) Gewalterfahrungen als solches bedeutet keineswegs, dass der Betroffene an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leidet. Unter Vergewaltigungsopfern entwickelt etwa jeder zweite Betroffene eine PTBS, bei KZ-Häftlingen liegt die Quote bei etwa 60 %. Bei Soldaten, die aus einem Einsatz im Kriegsgebiet zurückkehren, schwanken die Zahlen zwischen 9 % und 15 %. Nach schweren Verkehrsunfällen wurde bei 3 % bis 11 % eine PTBS diagnostiziert.

Ein nächster wichtiger Schritt ist eine gründliche Information über das Krankheitsbild, genannt Psychoedukation (die Symptomatik stellt eine durchaus „normale“ Reaktion auf unnormale Erfahrungen dar, es handelt sich um ein bekanntes und klar definiertes Krankheitsbild). Bei emotionaler Instabilität (ein häufiges Phänomen bei Patienten mit intensiven Flashbacks) geht es parallel um das Erlernen von Stabilisierungsübungen und weiterer sogenannter Skills. Damit sind Techniken gemeint, bei anflutender Angst oder Panik Gegenmaßnahmen zu ergreifen und dafür zu sorgen, nicht in den „alten Film“ zu rutschen. Erst bei ausreichender Stabilität ist eine Traumakonfrontation im engeren Sinne sinnvoll und aussichtsreich. Wichtig zu wissen: ohne Psychoedukation und Stabilisierungstechniken keine Traumatherapie! Oberstes Ziel einer Behandlung ist stets die Fähigkeit des Patienten, seinen Alltag im Hier und Jetzt innerhalb und außerhalb der Klinik, im beruflichen und privaten Kontext, bewältigen zu können.

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