Ein de’ignis-Fachartikel zur medizinisch-beruflich orientierten Rehabilitation mit konkreten Beispielen aus dem Klinikalltag, erkennen von ersten Warnzeichen und möglichen Therapieangeboten bei Überforderung im Beruf.

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Plötzliche Überforderung im Beruf – was tun?

Frau M., Mitte fünfzig, fühlte sich seit einigen Monaten nicht mehr fit. Es begann damit, dass sie schlecht schlief, morgens kaum aus dem Bett kam und dann eigentlich den ganzen Tag als Qual empfand. Schon mittags war sie so erschöpft, dass sie sich kaum noch konzentrieren konnte. So schleppte sie sich durch die Arbeitstage, konnte sich an den Wochenenden nicht mehr richtig erholen. Starke Kopfschmerzen kamen hinzu. Auch machte sie sich immer mehr Sorgen, wohin das wohl führen sollte. So kannte sie sich gar nicht! Seit 15 Jahren arbeitete sie in der gleichen Firma, seit fünf Jahren als Assistenz der Leitung. Dies war mal ihr Traumjob gewesen. Früher hatten ihr auch Überstunden nichts ausgemacht; wenn es darum ging, ein Projekt fertigzustellen, war es selbstverständlich gewesen, bis in die späten Abendstunden hineinzuarbeiten. Hier konnte sie ihre Fähigkeiten voll einsetzen. Aber in letzter Zeit ging das einfach nicht mehr. Vielleicht war sie langsam zu alt für diese Stellung? Auch ihre jüngeren Kolleginnen ließen sie das immer mal wieder spüren, denn diese mussten manche ihrer Aufgaben mit übernehmen. Als auch ihr Chef vor einem halben Jahr in einem ernsten Gespräch mehr Leistung einforderte, konnte sie einfach nicht mehr, sie brach regelrecht zusammen und war seitdem krankgeschrieben. Nun erhielt sie von ihrer Rentenversicherung die Zusage für eine psychosomatische Rehabilitation. So kam sie in die de’ignis-Fachklinik. Frau M. steht für viele Patientinnen und Patienten, die in die de’ignis-Fachklinik zur medizinischen Rehabilitation kommen mit ähnlichen Problemlagen und den Fragen: „Werde ich wieder in meinem Beruf arbeiten können?“ „Sollte ich an eine weniger herausfordernde Arbeitsstelle wechseln?“ „Sollte ich die Arbeitszeit reduzieren?“ „Brauche ich Rente?“.

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Sie benötigen Hilfe?

In der de’ignis-Fachklinik können Sie abseits der Anforderungen und Belastungen des Alltags eine umfängliche psychotherapeutische Behandlung in Anspruch nehmen, die auf Körper, Seele und Geist ausgerichtet ist. Versorgt von einem multiprofessionellen Team mit Angeboten, die sowohl der Hilfe in Ihren Nöten wie auch dem Wohlbefinden dienen, bieten wir Ihnen in unseren Klinikabteilungen im schönen Schwarzwald beste Voraussetzungen für Ihre Genesung. Erfahren Sie mehr über unsere Angebote!

Darüber hinaus erhalten Sie bei uns individuelle Beratung und Coaching zu spezifischen Themen, die die psychische Gesundheit betreffen oder Ihrer gesundheitlichen Vorsorge bzw. zur Prävention von psychischen Erkrankungen dienen.

Gründe für eine permanente Überlastung am Arbeitsplatz

Psychische und körperliche Gesundheit stehen in engem Zusammenhang zur beruflichen Leistungsfähigkeit. Schon Sigmund Freud definierte seelische Gesundheit als die Fähigkeit zu arbeiten und zu lieben. Arbeit hat in unserer Gesellschaft einen hohen Wert, auch über die protestantische Ethik hinaus und auch nicht nur im Südwesten Deutschlands, wo „Schaffe, schaffe, Häusle baue …“ das Lebenskonzept ganzer Generationen war und ist. Die meisten unserer Patientinnen und Patienten sind in dem Wertesystem erzogen worden, etwas leisten zu müssen, bevor man es sich gut gehen lässt. Oft wirkt dies bis in den Glauben hinein und macht es Menschen schwer, Gottes Liebe und Vergebung ohne eigene Vorleistung annehmen zu können oder sie im Nachhinein durch hohes Engagement quasi abarbeiten zu müssen. Bei oft den gleichen Menschen ist aber auch die Ansicht weit vertreten, Arbeit sei Pflicht und Last, das eigentliche Leben beginne erst mit dem Renteneintritt. Diese Ambivalenz der Wertesysteme kann zu Problemen beim Einzelnen führen.

Tatsächlich gibt es einige wissenschaftliche Belege dazu, dass bei Eintritt ins reguläre Rentenalter die Zufriedenheit steigt, vor allem wenn der Übergang gut gestaltet wird. Depressive Symptome können sogar zurückgehen.1 Weniger eindeutig sieht es bei vorzeitigem Renteneintritt aus: Die Zufriedenheit steigt nicht, psychische Beschwerden bessern sich nicht im erhofften Maße.2
Wenn ein Mensch sich am richtigen (Arbeits-) Platz fühlt und seine Fähigkeiten einbringen kann, erhält er dafür meist erheblich mehr als nur die monatliche monetäre Vergütung: Arbeit, nicht nur im sozialen Bereich, kann sinnstiftend sein. Sie kann Ansehen und Selbstwert einer Person steigern, das Selbstbild einer Person ist oft fundamental von den Erfahrungen am Arbeitsplatz beeinflusst. Kolleginnen und Kollegen, Vorgesetzte, Kundinnen und Kunden bieten soziale Kontakte, bilden einen Teil des sozialen Netzes einer Person. Im günstigen Falle bietet Arbeit das Empfinden, etwas geschafft zu haben, zu etwas fähig zu sein, richtig zu sein. All dies kann als positiver Verstärker fungieren, ebenso wie die finanzielle Entlohnung. In der Verhaltenstherapie geht man davon aus, dass Depressionen durch fehlende positive Verstärker (Belohnung) aufrechterhalten werden, ebenso durch fehlende Sozialkontakte.
Arbeit kann also geradezu gesundheitserhaltend sein. Leider ist sie dies nicht immer, sondern es kann auch schädigende Effekte geben. Diese Einflüsse können einerseits in den Arbeitsbedingungen eines konkreten Arbeitsplatzes liegen, z.B. in strukturellen Problemen wie zu hohem Arbeitsanfall, personeller Unterbesetzung, unklaren Aufträgen, mangelnder Unterstützung oder im zwischenmenschlichen Bereich, wenn es zu häufigen Konflikten oder sogar zu Mobbing kommt. Andererseits kann das Problem aber auch in der Person selber begründet sein, indem sie sich beispielsweise selber ständig mehr Höchstleistungen abverlangt, sich keine Fehler verzeiht. Ein Problem kann Arbeit werden, wenn sie einziger Sinnstifter im Leben wird, sie alleine glücklich machen soll. Dies kann kein Arbeitsplatz leisten, Enttäuschungen sind hier vorprogrammiert.

Während eine zeitlich begrenzte Krankschreibung in vielen Fällen zweifellos der Gesundung dienen kann, kann eine Krankschreibung auf Dauer oder auch eine vorzeitige Berentung psychische Beschwerden sogar verstärken und erst chronifizieren.
Aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig in Rente zu gehen im Sinne einer Erwerbsminderungsrente wirkt sich also anders aus als ein langer Urlaub oder ein Sabbatical. Gleichzeitig sind psychische Erkrankungen die häufigste Ursache für Erwerbsminderungsrente.

In den letzten 22 Jahren stieg der Anteil von Personen, die aufgrund seelischer Leiden frühzeitig in Rente gingen, von 18,6 auf 43 Prozent.3
Eine Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit eines Menschen ist nicht nur volkswirtschaftlich erwünscht, sondern auch für den einzelnen Menschen sinnvoll im wahrsten Sinne, denn es verbirgt sich eine Linderung seiner Beschwerden dahinter oder zumindest eine Veränderung seines Arbeitsumfeldes im Sinne eines leidensgerechten Arbeitsplatzes.
Um arbeiten zu können, muss ein Mensch in der Lage sein, den allgemeinen Anforderungen an Arbeit gerecht zu werden, also den Weg zur Arbeit bewältigen, dort die erforderliche Zeit hindurch konzentriert durchhalten, mit Kollegen und Kolleginnen und Vorgesetzten zusammenarbeiten können und vieles mehr. Hinzu kommen spezifische Fähigkeiten, die von Beruf zu Beruf, von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz sehr unterschiedlich sein können: Während ein Lehrer in der Lage sein muss, im Fokus einer ganzen Klasse zu stehen, braucht ein Maurer andere Fertigkeiten. Aus diesem Grund ist die Frage, ob jemand arbeits- bzw. leistungsfähig ist, sehr komplex.

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Individuelle Therapieangebote können Leistungsfähigkeit steigern

In Kooperation mit den Rentenversicherungen bieten wir medizinisch-beruflich orientierte Rehabilitation (MBOR) an. Dazu werden zunächst die Patienten identifiziert, die mit besonderer beruflicher Problemlage zu uns kommen, die zum Beispiel schon länger oder häufiger krankgeschrieben sind, ihren Arbeitsplatz verloren haben und/oder sich in ihrer Leistungsfähigkeit stark beeinträchtigt sehen. Bei etwa der Hälfte unserer Patienten besteht ein diesbezüglicher Bedarf. Sie erhalten neben dem multimodalen Therapieangebot einer psychosomatischen Klinik zusätzlich arbeitsbezogene Therapiebausteine.

Bei Frau M., unserer Beispielpatientin, zeigte sich diese besondere berufliche Problemlage sehr deutlich. Sie nahm am Trainingsprogramm „Stressbewältigung und Selbstbehauptung am Arbeitsplatz“ teil. Hier erhielt sie psychoedukative Informationen zu den Zusammenhängen zwischen beruflichen Belastungsfaktoren und psychosomatischen Beschwerden, zudem wurden konkrete Problemlösestrategien erarbeitet.

Herr P., ein anderer Patient, der von häufigen Konflikten am Arbeitsplatz, teilweise sogar Mobbing, berichtete, nahm am Gruppentraining sozialer Kompetenzen am Arbeitsplatz teil. Er hatte Schwierigkeiten, sich angemessenen durchzusetzen, wurde dann immer auch mal laut und verlor dadurch seinen Arbeitsplatz. Im Gruppentraining nutzte er die Möglichkeit, selbstsicheres Auftreten in berufsbezogenen Situationen zu üben. Dies geschah z.B. durch Rollenspiele und therapeutisches Sandsackboxen.

Frau M. bearbeitete in der Einzeltherapie die Zusammenhänge zwischen ihrer Lebensgeschichte und inneren gedanklichen Antreibern, die dazu führten, dass sie sich selbst dauerhaft überforderte.
Sie stellte fest, dass der Satz „Ich muss immer perfekte Arbeit abliefern“ fest in ihr verankert war. Diese Einstellung hatten ihr schon die Eltern vorgelebt. Frau M. kam immer mehr dazu, sich auch Fehler zu erlauben: „Ich bin immer noch eine gute Mitarbeiterin, wenn ich mal Fehler mache, und darf auch Feierabend machen, wenn noch nicht alles erledigt ist.“.
Sie erlernte Entspannungsverfahren, z. B. die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, um sich in Pausen effektiv entspannen zu können und insgesamt ihr Anspannungsniveau, das dauerhaft sehr hoch war, zu senken. Die Übungen waren für sie anfangs etwas mühsam, jedoch konnte sie tatsächlich nach ein paar Wochen feststellen, dass sich immer schneller ein Entspannungseffekt einstellte.
Außerdem nahm sie aufgrund der Konzentrationsschwierigkeiten, die sie bei sich bemerkt hatte, an einem computergestützten Konzentrationstraining teil. Dabei stellte sich heraus, dass die Schwierigkeiten objektiv gar nicht so ausgeprägt waren, wie sie befürchtet hatte, und sie konnte ihre Konzentrationsfähigkeit im Laufe der Wochen sogar noch verbessern.
Wichtig wurde Frau M. auch die Unterstützung durch andere Patientinnen und Patienten, die ihr klar vermittelten, wie wichtig sie für die Gemeinschaft war, wie sehr sie ihre besonderen Gaben schätzten. Diese Gaben waren ihr gar nicht mehr bewusst gewesen: Dass sie einen Blick für die Gestaltung von Tischen hat und dass sie andere mit ihrem Gesang mitreißen kann. Eine neue Erfahrung war für sie auch, dass ihr von Woche zu Woche Bewegungsangebote leichter fielen, dass ihr Körper leistungsfähiger wurde – und dass ihr dies sogar Freude bereiten konnte. Lange hatte sie ihren Körper nur noch als erschöpft und schmerzend wahrgenommen.
In intensiven Gesprächen mit ihrer Therapeutin beleuchtete sie ihre Situation am Arbeitsplatz und es wurde eine gemeinsame Lösung für die berufliche Zukunft gesucht. Es war recht schnell klar, dass Rente für sie noch keine passende Lösung war. Es entlastete sie tatsächlich, noch nicht „zum alten Eisen“ zu gehören. Vielmehr nahm sie sich vor, mehr auf ihre eigenen Belastungsgrenzen zu achten. Ein Gespräch mit dem Chef bereitete sie in einer Gruppensitzung im Rollenspiel schon einmal vor.

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Die aktuelle Ausgabe des de’ignis-Magazins, sowie alle anderen bisher erschienenen Ausgaben können Sie online in unserem Archiv durchblättern. Wir wünschen viel Freude beim Lesen und hoffen Sie profitieren von den hochwertigen Fachartikeln zu Themen der psychischen Gesundheit und christlich-biblischen Ansätzen im Gesundheits- und Sozialwesen.

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Fußnoten und Literatur

1 Schmidt, K.: Rentner sind glücklicher – Studie zur Altersforschung. Auf: www.wiwo.de/erfolg/trends/studie-zur-altersforschung-rentner-sind-gluecklicher (Stand: 01.10.2019), 2015
2 Coe, N.B. und Zamarro, G.: Retirement Efects on Health In Europe, RAND Working Paper WR-588, 2008
3 Deutsche Rentenversicherung Bund: Rentenversicherung in Zeitreihen. 2018

• Gall-Peters, A. und Zarbock, G.: Praxisleitfaden Verhaltenstherapie: Störungsspezifische Strategien, Therapieindividualisierung, Patienteninformationen. Pabst Science Publishers, 2012

Herr P., der seinen Arbeitsplatz verloren hatte, nahm an einem beruflichen Coaching teil. Eine darauf spezialisierte Mitarbeiterin, eines mit der de’ignis-Fachklinik kooperierenden Berufsförderungswerkes, erstellte schon während der Reha mit ihm eine Potenzialanalyse, gab ihm konkrete Hinweise zur Jobsuche und half ihm bei der Erstellung von Bewerbungsunterlagen. Auch nach Ende der Rehamaßnahme fanden weitere Kontakte statt.

Mit Frau M. wurde eine stufenweise Wiedereingliederung in den bisherigen Arbeitsplatz geplant: Sie startete mit täglich zwei Stunden Arbeit und steigerte dies jede Woche um weitere zwei Stunden. Dies traute sie sich zu. Bei Entlassung hatten sich die Kopfschmerzen gebessert, der Schlaf war meist wieder normal, auch hatte sie wieder mehr Energie. Auch wenn sie wieder hoffnungsvoller in die Zukunft sehen konnte, war sie noch etwas unsicher, ob sie all das im Alltag würde umsetzen können, was sie sich an Veränderungen vorgenommen hatte. Um sie dabei zu unterstützen, wurde eine ambulante Rehanachsorge (Psy-RENA) organisiert: Da sie in der Nähe von Stuttgart wohnte, nahm sie in den Monaten nach der Reha einmal wöchentlich an therapeutischen Gruppenangeboten im de’ignis-Zentrum in Stuttgart teil.
Ähnliche Rehaverläufe sind in unserer Klinik erfreulich häufig.

Frau M. hat es mittlerweile geschafft: Sie arbeitet wieder am alten Arbeitsplatz und bewältigt dies, auch wenn es manchmal immer noch sehr anstrengend ist, gut. Freitags geht sie immer besonders pünktlich heim, denn da geht sie neuerdings in einen Chor. Dort hat sie bereits richtig gute Kontakte geknüpft. Als sie kürzlich gefragt wurde, ob sie die Organisation des Chorausflugs übernehmen könnte, hat sie kurz überlegt, denn die Anfrage schmeichelte ihr schon. Dann aber lehnte sie dies doch freundlich ab. Kürzlich fand dieser Ausflug statt: Drei Tage Donauschifffahrt. Sie fuhr mit – und hatte richtig Spaß daran.


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  • Informationsbroschüre der de’ignis-Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik auf christlicher Basis.

    Informationsbroschüre zur de’ignis-Fachklinik

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