Ein de’ignis-Fachartikel zum Krankheitsbild „Angst“ mit wissenswerten Informationen zu Erscheinungsformen, Auswirkungen, Ursachen und Behandlung einer Angststörung.

Wenn Sie weitere Informationen wünschen oder Fragen zum hier beschriebenen Krankheitsbild haben, nutzen Sie gerne unser Kontakformular. Wir melden uns dann schnellstmöglich bei Ihnen zurück.

Angst – eine überlebenswichtige Reaktion des Körpers

Angst – wer kennt sie nicht? Das Herz schlägt schneller, die Pupillen weiten sich, das ganze Gesicht drückt unsere Furcht aus und mit höchster Aufmerksamkeit halten wir Ausschau nach der Gefahr. Eine solche Angstreaktion in einer (potentiellen) Gefahrensituation oder wenn wir eine Gefahr erwarten, ist normal und angeboren. Sie ist sogar überlebenswichtig, denn durch die Angst werden wir dazu motiviert, der bedrohenden Situation ein Ende zu setzen – durch „Flucht“ oder „Kampf“. Zudem begünstigt die körperliche Reaktion das Entkommen aus der Situation. In Sekundenschnelle werden körperliche Ressourcen aktiviert, sodass wir schnell flüchten können oder sogar zunächst einmal keine oder verminderte Schmerzen trotz einer ernsthaften Verletzung spüren.

Nun kommt es aber auch oft vor, dass Menschen in Situationen Angst haben, in denen es nicht ums Überleben geht, da gar keine reale Bedrohung vorliegt. Die Angst ist in diesen Momenten ganz und gar nicht förderlich, sondern führt zu subjektivem Leiden und der Beeinträchtigung im Alltag. Oft liegt dann eine der folgenden Angststörungen vor, die in der ICD-101 (Internationale Klassifikation der Krankheiten) folgendermaßen beschrieben werden:

Klassifikationen von Angststörungen

  • F40 Phobische Störungen

    Von einer phobischen Störung spricht man, wenn die „Angst ausschließlich oder überwiegend durch eindeutig definierte, eigentlich ungefährliche Situationen hervorgerufen wird. In der Folge werden diese Situationen typischerweise vermieden oder mit Furcht ertragen.“1 Zu den phobischen Störungen gehören die Agoraphobie, soziale Phobien und spezifische Phobien.

  • F40.0 Agoraphobie

    Hier kommt es zu Ängsten davor, „das Haus zu verlassen, Geschäfte zu betreten, in Menschenmengen und auf öffentlichen Plätzen zu sein, alleine mit Bahn, Bus oder Flugzeug zu reisen.“1

  • F40.1 Soziale Phobien

    Hier steht die „Furcht vor prüfender Betrachtung durch andere Menschen, die zu Vermeidung sozialer Situationen führt“1, im Vordergrund. Die Betroffenen leiden oft unter einem niedrigen Selbstwertgefühl und fürchten sich vor Kritik. Häufige Anzeichen der Angst sind dabei Erröten, Händezittern, Übelkeit oder der Drang zum Wasserlassen.

  • F40.2 Spezifische (isolierte) Phobien

    Dabei handelt es sich um „Phobien, die auf eng umschriebene Situationen wie [die] Nähe von bestimmten Tieren, Höhen, Donner, Dunkelheit, Fliegen, geschlossene Räume [etc.] beschränkt sind“1.

  • F41.0 Panikstörung

    Eine weitere häufige Angststörung ist die Panikstörung. Dabei kommt es zu „wiederkehrenden schweren Angstattacken [mit] plötzlich auftretendem Herzklopfen, Brustschmerz, Erstickungsgefühlen, Schwindel und Entfremdungsgefühlen […]. Oft entsteht sekundär auch die Furcht zu sterben, vor Kontrollverlust oder die Angst, wahnsinnig zu werden“1. Die Panikattacken beschränken sich dabei nicht auf eine spezifische Situation oder besondere Umstände und sind deshalb auch nicht vorhersehbar. Es kann jedoch auch zu Panikattacken im Rahmen der oben beschriebenen phobischen Ängste kommen.

Hinweis

In der Fachliteratur werden auch die Zwangsstörung und posttraumatische Belastungsstörung den Angststörungen zugerechnet, da es sich bei der vorherrschenden Emotion um Angst handelt.

FemmeCurieuse / photocase.de

Erlernen der Angst und Angstreaktionen

Aus verhaltenstherapeutischer Perspektive können solche Phobien auf drei Arten entstehen (Three-Pathway-Modell nach Rachmann, 1977)2: Zum einen durch eigene negative Erfahrungen mit dem angstbesetzten Objekt oder der Situation und zum anderen durch Modelllernen, d.h. indem man bei anderen Personen oder Vorbildern wie den Eltern ein angstvolles Verhalten beobachtet. Es kann zudem sogar schon ausreichen, Warnungen über etwas zu erhalten um vor dem Objekt oder der Situationen durch Instruktionslernen Angst zu bekommen.

Herr M. hat seit einem Autounfall vor einem halben Jahr Probleme beim Autofahren. Bei dem Unfall handelte es sich um einen Auffahrunfall in einem Tunnel. Seither bekommt er Herzrasen, Schweißausbrüche, ihm wird übel und sogar leicht schwindelig, wenn er sich einem Tunnel nähert und hindurchfährt. Anfangs fuhr er ganz langsam durch Tunnel, hatte dabei aber furchtbare Angst. Dann versuchte er, bereits vor einer Fahrt an fremde Orte herauszufinden, wo sich Tunnel auf der Strecke befinden und alternative Routen zu planen. Da dies nicht immer funktionierte, fährt er seit einiger Zeit nur noch bekannte Strecken, von denen er weiß, dass er durch keinen Tunnel fahren muss.

 

skeron / photocase.de
Sie benötigen Hilfe?

Bei de’ignis können Sie abseits der Anforderungen und Belastungen des Alltags eine intensive psychotherapeutische Behandlung in Anspruch nehmen, die auf Körper, Seele und Geist ausgerichtet ist. Versorgt von einem multiprofessionellen Team mit Angeboten, die sowohl der Hilfe in Ihren Nöten wie der Erholung dienen, bieten wir Ihnen in unseren Klinikabteilungen im schönen Schwarzwald beste Voraussetzungen für Ihre Genesung. Erfahren Sie mehr über unsere Angebote!

Darüber hinaus erhalten Sie bei uns individuelle Beratung und Coaching zu spezifischen Themen, die die psychische Gesundheit betreffen oder Ihrer gesundheitlichen Vorsorge bzw. zur Prävention von psychischen Erkrankungen dienen.

Beim Erlernen der Angst durch negative Erfahrungen im Sinne der klassischen Konditionierung wird ein Reiz (unkonditionierter Reiz), der auf ganz natürliche Weise Angst bei uns auslöst (unkonditionierte Reaktion), mit einem an sich neutralen Reiz verknüpft. Beim Beispiel von Herrn M. war dieser unkonditionierte Reiz der Auffahrunfall in einem Tunnel, der bei den meisten Menschen Angst und Erschrecken auslösen würde. Im weiteren Verlauf führt nun auch der ursprünglich neutrale Reiz (konditionierter Reiz) zu einer erlernten Angstreaktion (konditionierte Reaktion). Dies ist hier die Situation, durch einen Tunnel zu fahren, die bei Herrn M. Angstsymptome auslöst.
Nun bleibt es aber nicht dabei, dass Herr M. beim Fahren durch einen Tunnel Angst empfindet – sondern er vermeidet schließlich alle Routen, die ihm unbekannt sind um nicht durch Tunnel fahren zu müssen. Vermeidung der angstauslösenden Situation oder des Objekts ist ein klassisches Muster bei Angststörungen. Dadurch, dass der konditionierte Reiz somit vermieden wird, fällt die erlernte Angstreaktion ebenfalls weg. Das ist für die betroffene Person zunächst einmal ein erfreuliches Ergebnis. Kein Wunder, dass dieses Vermeidungsverhalten aufrechterhalten wird.
Dieser Lernprozess der Verstärkung eines Verhaltens durch den Wegfall einer negativen Konsequenz (oder das Auftreten einer positiven Konsequenz) wird als operante Konditionierung bezeichnet. Wenn es dann einmal doch zur Begegnung mit der angstauslösenden Situation kommt, kann sich die Angstreaktion bis hin zur Panikattacke steigern.

de'ignis-Magazin Archiv

Die aktuelle Ausgabe des de’ignis-Magazins, sowie alle anderen bisher erschienenen Ausgaben können Sie online in unserem Archiv durchblättern. Wir wünschen viel Freude beim Lesen und hoffen Sie profitieren von den hochwertigen Fachartikeln zu Themen der psychischen Gesundheit und christlich-biblischen Ansätzen im Gesundheits- und Sozialwesen.

Steigerung von Paniksymptomen bis hin zur Panikattacke

Bei einer Panikstörung – zusätzlich zu oder unabhängig von einer Phobie – werden oft sowohl der äußere Kontext als auch die empfunden Paniksymptome als konditionierte Reize erlernt. So kommt es dabei in der Folge zu einem konditionierten Angsterleben, wenn ein ähnlicher Kontext aufgesucht wird, wie jener, in dem bereits eine Panikattacke stattgefunden hat. Außerdem tritt eine konditionierte Angstreaktion auf, wenn typische Symptome einer Panikattacke wie Atemnot, Schwindel, Herzklopfen oder Schwitzen auftreten, da diese nun konditionierte Reize darstellen.
Tritt ein solches Symptom auf, nimmt ein typischer Angstkreislauf seinen Lauf. Zunächst einmal werden solche körperlichen Symptome verstärkt wahrgenommen, es kommt dann zu der gedanklichen Interpretation, dass die wahrgenommenen Symptome eine „Gefahr“ darstellen könnten (z.B. dass eine erneute Panikattacke stattfindet oder einen Herzinfarkt zu erleiden). So kommt es zu einer Angstempfindung und dadurch zu weiteren physiologischen Reaktionen wie noch stärkeres Herzklopfen etc. Diese verstärkten körperlichen Empfindungen werden erneut wahrgenommen, als Gefahr interpretiert, woraufhin sich die Angst und die körperlichen Paniksymptome immer weiter steigern.

Auswirkungen von Angst oder Panik

Beim Auftreten von Angst oder Panik scheint Vermeidung für viele Patienten der einzige Ausweg zu sein, dieser Empfindung zu entkommen. Die Betroffenen erwarten bei einer Konfrontation mit dem angstauslösenden Reiz oder Situation, dass die Angst mitsamt der körperlichen Aktivierung unendlich weiter ansteigt, bis es nicht mehr zu ertragen ist, oder dass dieser Zustand nie wieder aufhört. In der Realität würde die Angstreaktion tatsächlich weiter ansteigen als bei der Vermeidung, würde dann aber wieder nachlassen. Das liegt daran, dass unser Körper die hohe Aktivierung, die bei Angst geschieht um uns die Flucht oder den Kampf zu ermöglichen, nicht unbegrenzt aufrechterhalten kann.

Es tritt vielmehr nach einer gewissen Zeit eine Erschöpfung ein, sodass die körperlichen Symptome wieder abflachen. Zudem findet auf der psychischen Ebene eine Gewöhnung an den Angstreiz statt sowie der Lernprozess, dass die Angst nachlässt und die positive Erfahrung, dass man eine solche Situation bewältigen kann.

martin-dm / iStock

Aviaphobie bzw. Aviophobie heißt die Angststörung, die allgemein als „Flugangst“ bezeichnet wird. Da eine Vermeidung von Flugreisen hin und wieder schwer umzusetzen ist, kann sich die Angstreaktion bis hin zur Panikattacke steigern. Auch hier ist eine verhaltenstherapeutische Behandlung vielversprechend. Betroffene können hier im Laufe der Therapie immer mehr Zuversicht gewinnen, die angstauslösenden Situationen selbst zu meistern, ohne in die Vermeidung zu flüchten.

Verhaltenstherapeutische Behandlungsverfahren

An diesen Prozessen setzen verhaltenstherapeutische Behandlungsverfahren an, bei denen die Konfrontation (Exposition) mit dem Angstreiz eine zentrale Rolle spielt2,3. Dabei wird zum einen unterschieden, ob man die Exposition real (in vivo) oder in Gedanken (in sensu) durchführt. Zum anderen nähert man sich entweder schrittweise an die am meisten angstauslösende Situation an (graduell) oder man beginnt sofort mit dieser Situation (massiert). In beiden Fällen braucht es zuvor das Aufstellen einer Angsthierarchie. Hier soll der Patient gestaffelt anordnen, welche Situationen seines Angstthemas bei ihm leichte bis sehr starke Angst auslösen. Bei gradueller Exposition in sensu, auch Systematische Desensibilisierung genannt, nähern sich Therapeut und Patient beginnend mit leichteren Situationen der Vorstellung einer sehr stark angstauslösenden Situation an. Zuvor erlernt der Patient verschiedene Entspannungstechniken, die er auch während der in sensu-Exposition anwendet, um der aufkommenden Angst entgegenzuwirken. Erst wenn der vorgestellte Reiz keine Angst mehr auslöst, wird zum nächsten Reiz der Angsthierarchie übergegangen. So soll sich beim Patienten eine Gewöhnung an den Angstreiz einstellen. Ähnlich ist dies bei der graduierten in vivo Vorgehensweise – nur dass der Patient die Situation dabei in der Realität aufsucht. Nachdem die Angst in einer der Angsthierarchiesituationen nachgelassen hat und somit eine Neubewertung der Situation als „weniger bedrohlich“ möglich wird, kann die nächste Situation aufgesucht werden. Bei der massierten Exposition, auch Flooding genannt, wird lediglich die am stärksten angstauslösende Situation gewählt. Dabei erlebt der Patient sowohl in sensu als auch in vivo eine starke Reaktionsüberflutung ängstlicher Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen – bis es zu einem Rückgang ebendieser kommt. Dabei ist es ganz wichtig, dass der Betroffene so lange in dieser angstauslösenden Situation bleibt, bis die Angst tatsächlich spürbar nachlässt und sich eine deutliche Erleichterung einstellt. So lernt der Patient, dass seine katastrophalen Befürchtungen ausbleiben und die Angst von selbst wieder abnimmt.

Die Erfolge einer verhaltenstherapeutischen Behandlung bei Angststörungen sind vielversprechend. Betroffene schöpfen im Laufe einer Therapie immer mehr Zuversicht, angstauslösende Situationen selbst meistern zu können ohne in die Vermeidung zu flüchten. So können sie ihr Leben wieder selbst gestalten ohne von Ängsten beherrscht zu werden.

Fußnoten

1 Dilling, H.; Mombour, W.; Schmidt, M. H.: Internationale Klassifikation psychischer Störungen: ICD-10. Göttingen: Hogrefe Verlag, 1991
2 Wittchen, H. U.; Hoyer, J.: Klinische Psychologie & Psychotherapie. Heidelberg: Springer-Verlag, 2011
3 Linden, M.; Hautzinger, M. (Hrsg.): Verhaltenstherapiemanual. Heidelberg: Springer-Verlag, 2015


Informationen zur Behandlung bei de’ignis →Mehr erfahren

Downloads

  • Informationsbroschüre der de’ignis-Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik auf christlicher Basis.

    Informationsbroschüre zur de’ignis-Fachklinik

    Broschüre (PDF:3 MB)
    Download
  • Das de’ignis-Institut für Psychotherapie und christlichen Glauben bietet seit über 20 Jahren erfolgreich Fortbildung, Schulung, Supervision und Beratung an, hierbei insbesondere die Fortbildung für Christlich-integrative Beratung und Therapie.

    Broschüre "Fortbildungen, Schulungen und Seminare des de’ignis-Instituts"

    Broschüre (PDF:3 MB)
    Download
  • Informationsbroschüre zum de'ignis-Wohnheim für sozialtherapeutisches Wohnen. Es deckt die Bereiche des intensiven und teilstationären Heimbereichs, den Wohntrainingsbereich sowie den ambulanten Bereich ab.

    Informationsbroschüre zum de'ignis-Wohnheim

    Broschüre (PDF:1 MB)
    Download

Jetzt zum de’ignis-Newsletter anmelden und informiert bleiben.

Mit dem monatlich erscheinenden de’ignis-Newsletter erhalten Sie neben aktuellen Informationen über die Arbeit von de’ignis, wissenswerte und spannende Fachartikel zu christlich-biblischen Ansätzen im Gesundheits- und Sozialwesen.

Bei Anmeldung zum de’ignis-Newsletter stimmen Sie unseren Allgemeinen Geschäftsbedingungen sowie den Datenschutz- und Cookie-Richtlinien zu.