Ein de’ignis-Fachartikel zu Behandlungsansätzen und -methoden von Angst in der systemischen Therapie.

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Welche Ansätze die systemische Therapie bereithält.

Die systemische Therapie hat – im Gegensatz zu den psychodynamischen und verhaltenstherapeutischen Ansätzen – in der Behandlung psychischer Störungen primär den Blick auf die Zusammenhänge und Interaktionen zwischen Komponenten von sozialen Systemen gerichtet. Dabei wird der Mensch in seinem Lebenskontext von Familie, Herkunftsfamilie, Arbeitskontext, Gemeinde, Peer group, usw. gesehen. Entwickelt wurden zunächst vor allem Grundannahmen, die sich ausgehend von der Systemtheorie sehr universell auf eine Vielzahl von Bereichen anwenden lassen und inzwischen sehr breit eingesetzt werden (Paar- und Familientherapie, Organisationsberatung, Coaching, Pädagogik und viele andere mehr). Dabei lag der Schwerpunkt weniger auf der Theoriebildung, wie sich bestimmte Störungsbilder erklären und daraus ableitend behandeln lassen. Im Vordergrund stand vielmehr die Grundhaltung der „neugierigen“ und unvoreingenommenen Exploration von Zusammenhängen, wie und in welcher Hinsicht bestimmte zu beobachtende Reaktionen der Mitglieder eines Systems „einen Sinn“ ergeben können, z.B. auch solche Phänomene wie Angstzustände oder chronische Ängste mit entsprechenden Gefühlen und Verhaltensweisen. Die freie Hypothesenbildung, die besondere Fragetechnik und Interventionen der systemischen Therapie, sollten dabei gerade nicht von vorgegebenen Theorien über die intrapsychischen und interpersonalen Abläufe eingeschränkt werden, sondern jeweils im konkreten Einzelfall der Klienten im sozialen Kontext erarbeitet und angewandt werden.

Inzwischen konnte jedoch die systemische Therapierichtung nicht umhin, auch störungsspezifische Ansätze zu formulieren, die sich aus der großen Erfahrung mit unterschiedlichen, aber doch wieder regelhaft beobachteten Situationen im Behandlungskontext ergeben. Dabei steht aber – im Gegensatz zu den psychodynamischen oder verhaltenstherapeutischen Therapierichtungen – weniger ein geschlossenes Theoriegebäude im Hintergrund, sondern eher ein Erfahrungswissen in der Art, dass bestimmte Interventionen häufiger erfolgreich sind und eine Veränderung in der Systeminteraktion bewirken, d.h. das System „verstören“ und damit eine Neuorganisation auf einer weniger von der „Symptomatik“ beherrschten Ebene möglich wird.
Die systemische Therapie nutzt in der Behandlung psychischer Störungen primär den Blick auf Zusammenhänge und Interaktionen zwischen Komponenten sozialer Systeme. Der Mensch wird in seinem gesamten Lebenskontext betrachtet.
Nikola Stojadinovic / iStock

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Der Angst auf den Grund gehen.

Aus systemischer Sicht sind Ängste auf die Zukunft projizierte „Geschichten“, die jemand sich (und anderen) immer wieder „erzählt“. Es ist, als würde er oder sie sich ständig einen oder verschiedene Horrorfilme anschauen (die ja unter anderem deshalb so beliebt sind, weil sie ein Gefühl von Kontrolle und Macht vermitteln: „Ich halte das aus, ist ja nur ein Film!“). Zugrunde liegen könnte dabei in etwa die Annahme: Indem ich mir die Angst immer wieder vergegenwärtige, hoffe ich, dem Angstbesetzten zu entgehen, und versuche gleichzeitig der angstbesetzten Situation auszuweichen und Kontrolle über die Angst zu gewinnen. Oft verselbständigt sich die Angst jedoch in der Weise, dass sie selbst zum angstauslösenden Objekt wird („Angst vor der Angst“), die sich dann in einem Teufelskreis selbst generiert. Gerade der Versuch, die Angst zu vermeiden oder zu kontrollieren, scheitert aber, weil ich mir der „Abwesenheit von Angst“ nie sicher sein kann.

In sozialen Systemen wie einer Partnerschaft oder Familie bilden sich in der Interaktion mit Menschen, die starke Angstgefühle zeigen, wiederkehrende Muster aus, die in einer Art Regelkreis die Angstgefühle und Äußerungen unterhalten und verstärken. Oft dient die Angst der Beziehungsregulation, z. B. um Schutz, Aufmerksamkeit, Loyalität und Bindung in durch Konflikte bedrohten Partnerschaften zu bewirken. So führen z. B. nächtliche Angstattacken einer Frau dazu, dass der Partner keine Geschäftsreisen mehr unternehmen kann (und dann dort nicht fremdgehen kann). In Familien können so auch Kinder zu „Index-Patienten“ für die Partnerschaftskonflikte der Eltern werden, indem sie mit ihrer Symptomatik dazu animieren, dass sich die Eltern um das „kranke Kind“ kümmern und weniger streiten. Häufig schlägt jedoch die anfängliche Fürsorge für den Angstgeplagten in eine sehr ambivalent erlebte aggressive Haltung dem Angstzeigenden um, was dessen Ängste wieder verstärkt und noch notwendiger erscheinen lässt usw.

Gerade in Veränderungsphasen von Systemen entsteht eine Spannung zwischen der Notwendigkeit von Anpassungen und dem Wunsch nach Bewahrung des Gewohnten und Vertrauten. Dann können Ängste die Funktion übernehmen, den Pol der Bewahrung zu besetzen. Ängste führen zur Schonung, zu einem möglichen Aufschieben von Veränderung, zu einem „Reform-Stau“1. Dabei müssen die auftretenden Ängste in keiner Weise Bezug zu den anstehenden „Reformen“ haben, allein ihr Auftreten setzt einen regulativen Prozess in Gang, der das System in Richtung Festhalten an Bewährtem lenkt. Angststörungen nehmen daher überzufällig häufig ihren Anfang bei der anstehenden Ablösung vom Elternhaus, Beginn einer neuen Arbeitsstelle, Veränderungen des Familiengefüges und ähnlichem.

Oft wird die Angst selbst zum angstauslösenden Objekt. Der Versuch, die Angst zu vermeiden oder zu kontrollieren, scheitert, weil ich mir der „Abwesenheit von Angst“ nie sicher sein kann.
Nikola Stojadinovic / iStock

Das System verstehen und verändern.

Bezüglich der Angst können verschiedene Beziehungsebenen betrachtet werden:

  • Die Beziehung zu dem, was dem Klienten Angst macht.
  • Die Beziehung zur Angst selbst (z.B. wenn die Angst selbst Angst erzeugt und der Klient sie bekämpfen muss).
  • Die Beziehung zum eigenen Ich als einem Menschen, der Angst hat (den ich z.B. deswegen ablehne und verurteile).
  • Die Beziehung zu Bezugspersonen, die mit dem Klienten als Angstzeigendem umgehen (müssen).

In der Therapie können alle Beziehungsebenen exploriert und deutlich gemacht werden. Darüber hinaus können mit hypothetischen Fragen Möglichkeiten untersucht werden, ob der Klient an der Art der Beziehung (wie er bisher damit umgegangen ist, ob es alternative Umgangsformen damit gibt usw.) etwas ändern kann. Insbesondere die häufigen Versuche, der Angst auszuweichen, führen zu einer Erstarrung und Verfestigung der Umgangsmuster, meist mit einer selbstabwertenden, ohnmächtigen Gefühlslage. Hier kann es hilfreich sein, Möglichkeiten durchzuspielen, den „Kampf einmal aufzugeben“, freundliche Umgangsweisen mit der Angst auszuprobieren, was das Gefühl von Ohnmacht überwinden oder die Beziehungen im System mit anderen verändern kann. Die zuvor fixierte Aufmerksamkeit (die sog. „Problemtrance“) kann dadurch überwunden und auf andere Aspekte der Beziehungen gelenkt werden, was den negativen Regelkreis der Angstgenese unterbrechen kann.

Mit Klienten kann z.B. auch herausgearbeitet werden, wie er die oben genannten Beziehungsmuster weiter gestalten will. Unter Umständen ergibt sich daraus eine Umdeutung der Angst, z.B. als Schutzmechanismus, als Konfliktlösungsversuch, als notwendige Bereitstellungsreaktion von Energie und körperlicher Reaktionsbereitschaft im Sinne einer positiven Konnotation und Ressourcenaktivierung.

Auch die Infragestellung der oft sehr einseitigen Vorstellung der Klienten, sie könnten durch eine therapeutische Behandlung „Angstfreiheit“ erreichen, kann hilfreich sein: Es geht um ein schrittweises und nur relatives Verändern der Angststärke, Herausarbeiten von Verhaltensweisen, die Angst mehr oder weniger stark auftreten lassen usw. Hilfreich sind dabei Skalierungseinschätzungen in der Beschreibung von Angst (Einschätzungen auf einer Skala von 0 bis 10, wie stark die Angst bei bestimmten Anlässen auftritt, welche Verhaltensweisen die Angst von z.B. 3 auf 8 steigen lassen, was sie wieder etwas vermindert, usw.) Auch dadurch gewinnen Klienten ein Gefühl von Kontrolle über ihre Angst, wenigstens in Teilbereichen, die sich dann wieder verstärken können.

Aus systemischer Sicht ist neben der Einzeltherapie gerade auch die Einbeziehung relevanter Systemmitglieder, z.B. der Partner oder Familienangehörige, für die Hypothesengewinnung, aber auch die Veränderung der eingefahrenen Umgangsmuster mit der Angst sinnvoll. Die „Funktion“ der Angst erschließt sich oft nur aus dem systemischen Geschehen, das die Angstsymptomatik aufrechterhält. Entsprechend hilfreich kann es sein, alle Beteiligten an der Lösung und Veränderung der Muster einzubeziehen, indem z.B. die Konsequenzen beleuchtet werden, die ein möglicher „Verlust“ der Angst für alle haben könnte, neben den positiven auch die negativen.

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Die aktuelle Ausgabe des de’ignis-Magazins, sowie alle anderen bisher erschienenen Ausgaben können Sie online in unserem Archiv durchblättern. Wir wünschen viel Freude beim Lesen und hoffen Sie profitieren von den hochwertigen Fachartikeln zu Themen der psychischen Gesundheit und christlich-biblischen Ansätzen im Gesundheits- und Sozialwesen.

Insbesondere die häufigen Versuche, der Angst auszuweichen, führen zu einer Verfestigung der Umgangsmuster, meist mit einer selbstabwertenden, ohnmächtigen Gefühlslage. Hier können verschiedene neue Umgangsweisen mental durchgespielt werden. Wie wäre es, den „Kampf einmal aufzugeben“?
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Dem Angstwesen begegnen. Wie die Therapie gelingen kann.

Eine besondere Methode der Angsttherapie besteht in der Externalisierung der Angst: Die Angst wird dabei als ein „selbständiges Wesen“ in der Vorstellung des Klienten, eines Paares oder auch einer ganzen Familie dargestellt, mit dem interagiert wird. Manchen Klienten ist es dabei hilfreich, einen Gegenstand als Symbol der Angst „greifbar“ zu machen oder dem Angstwesen einen Namen zu geben. Die Beziehungsdynamik gegenüber Angst wird dadurch modifiziert, sie ist nicht mehr Teil der Person des „Angstbesitzenden“, dieser kann jetzt seine Umgangsformen mit der Angst aus einer veränderten Sichtweise wahrnehmen und in der Regel auch modifizieren. Manchen Klienten gelingt dabei ein kreativer Umgang mit der Angst, der die starren Verhaltensmuster aufweicht, z.B. indem sie das Angstwesen bewusst ansprechen, in den angstauslösenden Situationen mit ihm bewusst in Interaktion treten (z.B. die Angst in einer Tasche mit sich herum tragen und bei Bedarf herausholen, sie als Schutzwesen um Hilfe bitten, etc.).

Nach Schumacher bewähren sich insgesamt sechs primäre Methoden in der systemischen Angsttherapie:2,3

  1. Vermeiden des Vermeidens
  2. Integration von Angst, statt die Angst zu bekämpfen
  3. Das Auftreten der Angst in einen anderen Kontext stellen
  4. Externalisierung der Angst
  5. Skalierung der Angst, um den Gegensatz „Angst – keine Angst“ zu differenzieren
  6. Symptomverschreibung, z.B. bewusst Angstreaktionen zu zeigen, ohne dass Angst auftritt, um die assoziierten Beziehungsmuster deutlich werden zu lassen.
Eine Methode der Angsttherapie besteht in der Externalisierung der Angst: in der Vorstellung des Klienten wird sie als „selbständiges Wesen“ vorgestellt. So wird es möglich, in angstauslösenden Situationen mit dem „Angstwesen“ in Interaktion zu treten.
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Literatur und Fußnoten

Fußnoten

1 Schweitzer J., von Schlippe A.: Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung II. Das störungsspezifische Wissen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006
2 Schumacher, B.: Systemische Angsttherapie – in einer Sitzung. Teil 1. Familiendynamik 33 (Heft 1): 16–33. Klett-Cotta, Stuttgart 2008
3 Schumacher, B.: Systemische Angsttherapie – in einer Sitzung. Teil 2. Familiendynamik 33 (Heft 2): 177–193. Klett-Cotta, Stuttgart 2008

Literatur

Lieb, H.: Störungsspezifische Systemtherapie. Konzepte und Behandlung. Reihe: Störungen systemisch behandeln. Band 1. Carl-Auer Verlag, Heidelberg 2014


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