Ein de’ignis-Fachartikel zu den häufigsten Formen der Essstörung wie z.B. Magersucht, Anorexie, Binge-Eating-Störung und die verschiedenen Schweregrade einer Adipositas per Magna, sowie die Herausforderungen einer Therapie und deren Heilungschancen.

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„Thin is in“ – Magersucht als Lebensgefühl?

Es gibt wenige psychische Störungen, die unserer Gesellschaft so fremd sind und die auf so wenig Verständnis stoßen, wie Essstörungen. In Zeiten eines Überangebots und völliger Verfügbarkeit von so etwas trivialem, wie Nahrung erscheint es rätselhaft warum Menschen hungern oder Essen wieder erbrechen. Am ehesten verstehen wir noch Fettleibigkeit, schließlich finden wir Pommes und Pizza ja auch lecker! Letztendlich ist diese genauso krankhaft und sogar tödlicher als Magersucht. Nach Angaben von Forschern des beteiligten Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) in Seattle geht man alleine im Jahr 2015 von vier Millionen Toten durch die Folgen von Übergewicht aus. Todesursachen waren in zwei Dritteln der Fälle Herz-Kreislauferkrankungen. Es folgten Diabetes mit rund 15 Prozent sowie chronische Nierenerkrankungen und Krebs mit jeweils unter 10 Prozent. (www.tagesanzeiger.ch/wissen/medizin-und-psychologie)

Jedem von uns begegnet spätestens in den Medien schleichend ein Perfektion versprechendes Schlankheits- und Schönheitsideal (jung, schön und reich), das unweigerlich eine erstrebenswerte Norm vortäuscht, ja fordert, der wir uns kaum entziehen können. Die guten alten Zeiten in denen Rubensfiguren erotisch und begehrenswert waren sind einem Paradigmenwechsel zum Opfer gefallen: „thin ist in“. Dabei sind extreme Auswüchse wie Essstörungen im Verhältnis zu Depression oder somatoformen Störungen unauffällig selten mit einem ungleichen Geschlechterverhältnis. Auf etwa zwanzig betroffene Frauen kommt ein Mann. Begleitende psychische Beeinträchtigungen (Komorbidität) wie Persönlichkeitsstörungen, Angststörungen und Substanzmissbrauch treten hingegen häufig auf und erschweren die Therapie. Diese kämpft zusätzlich auch noch gegen diverse Webseiten im Internet, geschätzte 270 deutschsprachige, die Magersucht oder Bulimie als eine Art Lebensgefühl propagieren. So tauschen in obskuren Foren Gleichgesinnte Tipps und Tricks zum Abnehmen, Ernährungspläne und Diäten aus, animieren und motivieren sich „dranzubleiben“, immer am Rande der Essstörung und auch deutlich darüber hinaus. Übrigens gegen klare Reaktionen des Gesetzgebers und Jugendschutzes. Auf fragwürdige Weise werden „sacred texts“ (heilige Texte), Glaubensbekenntnisse und sogar 10 Gebote („Ich darf nichts essen ohne mich schuldig zu fühlen!) oder Psalmen zitiert. Ethische und wissenschaftliche Haltungen hierzu bleiben kontrovers. Wie weit darf man schließlich das Recht auf Selbstbestimmung einschränken? Die Sicht der Betroffenen skizziert dem gegenüber das unglaubliche Leidenspotenzial einer Störung, die im Kern unvermeidbar bleibt. Essen muss schließlich jeder.

Im Folgenden soll auf die gängigsten Formen dieser Erkrankung kurz eingegangen und diese in aller Kürze dargestellt werden.

Bei einer Anorexia nervosa oder Magersucht ist die Selbstwahrnehmung des Körpers gestört, so dass der Körper im Spiegel dicker wahrgenommen wird, als er tatsächlich ist, was man als körperdysmorphe Störung bezeichnet.
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Formen von Essstörungen

Anorexia nervosa

Die Anorexia nervosa oder Magersucht ist durch einen absichtlichen und/oder selbst herbeigeführten Gewichtsverlust charakterisiert. Dies führt zu einem Körpergewicht von mindestens unter 15 Prozent (BMI = (Gewicht in kg)/(Körpergröße in m) unter dem normalen oder dem für das Alter und die Körpergröße erwarteten Gewicht. Dabei kreisen die Gedanken der Betroffenen hauptsächlich um eine tief verwurzelte Angst zu „dick“ zu werden oder zu sein und vermeiden „fettmachende“ Speisen. Um einer Gewichtszunahme entgegenzusteuern wiegen sie sich auch häufig oder betreiben exzessiv Sport, erbrechen oder nutzen Abführmittel (Laxantien) sowie Appetitzügler. Die Selbstwahrnehmung des Körpers ist dabei gestört, so dass der Körper im Spiegel dicker wahrgenommen wird, als er tatsächlich ist, was man als körperdysmorphe Störung bezeichnet. Der immer dünner werdende Körper wird dabei oftmals voller Stolz zur Schau getragen. Die tatsächlich vorliegende, immer stärker werdende Unterernährung wird ignoriert und führt zu langfristigen Folgeschäden mit Veränderungen des Hormonhaushalts und des Stoffwechsels, die in einem (reversiblen) Ausbleiben der Regelblutung oder bei Männern in Potenzverlust mündet. Etwa 15 Prozent der Betroffenen sterben, meist an massiven Störungen des Elektrolythaushaltes mit nachfolgendem Herzversagen, Schädigung der Organe und Nieren. In Deutschland leiden etwa 100.000 Menschen an dieser Erkrankung, wobei die geschätzte Dunkelziffer vermutlich sehr viel höher ist.

Bulimia nervosa

Die Bulimia nervosa (auch Ess-Brechsucht und Bulimarexie genannt) ist durch wiederholte Anfälle (in einem Zeitraum von drei Monaten mindestens zweimal pro Woche) von Heißhunger („Fressattacken“) sowie einer übertriebenen Beschäftigung mit der Kontrolle des Körpergewichts gekennzeichnet. Dies führt rasch zu einem zirkulären Muster von Essanfällen, die über Stunden hinweg gehen können und in denen innerhalb kürzester Zeit große Mengen an Nahrung gierig konsumiert werden. Meist handelt es sich um „verbotene Lebensmittel“, die viele Kalorien beinhalten und die die Betroffenen wieder loswerden müssen, um nicht dick zu werden. Dies geschieht durch gegensteuernde Maßnahmen, hauptsächlich selbstinduziertes Erbrechen, was zu Gefühlen von Entspannung führt, aber auch durch Abführmittel, Hungern oder stundenlangem Sport. Da die Bulimie eine ganz besonders schambesetzte Essstörung ist, bemühen sich die Betroffenen mit allen Mitteln und Tricks ihr Handeln zu vertuschen und zu verheimlichen. Oft findet sich eine Ritualisierung der Essanfälle wie bestimmte Uhrzeiten, bevorzugte Lebensmittel und Getränke, „magische Gewichtsgrenzen“ sowie bevorzugte Verhaltensweisen, um nicht zuzunehmen. Die Bulimie ähnelt in vielen Merkmalen der Magersucht, so die übertriebene Sorge um das Aussehen, die Körperform und Angst vor einer Gewichtszunahme, aber ist weitaus weniger gefährlich. Das Körpergewicht ist im Gegensatz zur Anorexie normal und die Folgeschäden, wie Zahnschmelzschäden, Risse in der Speiseröhre oder der Magenwand ungefährlicher.
Aufgrund ihres hohen Schamfaktors, aber auch wegen der „Vorteile“ der Bulimie („Ich kann so viel essen wie ich will ohne zuzunehmen“) kommen die Betroffenen oft erst sehr spät in Behandlung, wenn das Erbrechen bereits zur Routine in einem festgefahrenen Teufelskreis geworden ist. Etwa 1,1 Prozent der Frauen und 0,1 Prozent der Männer leiden an Bulimie.

Essattacken bei anderen psychischen Störungen

Auch bei anderen Störungsbildern können Essanfälle (Binge-Eating-Störung) aufreten in denen Betroffene übermäßig essen als eine Reaktion auf belastende Ereignisse und Stress wie Unfälle, Geburt oder Todesfälle. Meist werden damit anderweitig kaum aushaltbare Gefühle reguliert. Diese Erscheinungsform muss sorgfältig von einer reinen Essstörung diagnostisch abgegrenzt werden.

Jedem von uns begegnet spätestens in den Medien schleichend ein Perfektion versprechendes Schlankheits- und Schönheitsideal (jung, schön und reich), das unweigerlich eine erstrebenswerte Norm vortäuscht, ja fordert, der wir uns kaum entziehen können.
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Adipositas per magna (Adipositas 3)

Die häufigste Essstörung ist die Fettleibigkeit oder Fettsucht. Die Auftretenswahrscheinlichkeit hat in Deutschland und weltweit in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen. Der prozentuale Anteil der Gesamtbevölkerung mit Übergewicht (BMI über 30), der 20,8 Prozent beträgt, teilt sich auf in 15,1 Prozent mit Adipositas Grad 1, 4,1 Prozent mit Adipositas Grad 2 und 1,5 Prozent mit Adipositas Grad 3 (Quelle: Deutsche Adipositas Gesellschaft).

Die Grade beziehen sich hierbei auf das Ausmaß der Fettleibigkeit, wobei Übergewicht bei einem BMI von 25–29,9 beginnt. Adipositas Grad 1 setzt ab einem BMI von über 30–34,9 und Adipositas zweiten Grades bei 35–39,9 ein. Von Adipositas 3 oder „Adipositas per magna“ oder morbide Adipositas“ spricht man ab einem BMI von über 40. Ein normales Gewicht läge hierzu im Vergleich bei einem BMI von 18,5 bis 24,9 (Anmerkung der Redaktion: Neue empirische Langzeitstudien legen jedoch die Schlussfolgerungen nahe, dass der BMI was die Werte für Übergewicht betrifft, erheblich nach oben korrigiert werden muss.). Übergewicht ist keine psychische Erkrankung im engeren Sinne, wobei es Ausprägungsgrade gibt, die durchaus behandlungsbedürftig sind und in denen Essen süchtige Ausmaße angenommen hat. Essen kann dabei psychische Funktionen übernehmen, wird zum Schutzpanzer. Es dient dann etwa als „Trostpflaster“ in Konflikten, zur Regulierung von Gefühlen, als Mittel zur Entspannung, Belohnung und häufig auch als Liebesersatz für fehlende Partnerschaften.

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Die Bulimie ähnelt in vielen Merkmalen der Magersucht, so die übertriebene Sorge um das Aussehen, die Körperform und Angst vor einer Gewichtszunahme, aber ist weitaus weniger gefährlich.
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Die gesundheitlichen Folgeschäden, besonders in Kombination mit Nikotinabhängigkeit, sind gravierend. Die jahrelange übermäßige Zufuhr von Kalorien führt meist zu dem sogenannten metabolischen Syndrom, das – neben der abdominellen Fettleibigkeit – durch Bluthochdruck (Hypertonie), koronare Herzerkrankungen und Insulinresistenz (Diabetes) gekennzeichnet ist (tödliches Quartett). Der Umgang der Betroffenen variiert stark in Abhängigkeit von der Persönlichkeit und reicht von gezielt „sich selbst auf die Schippe nehmen“ bis hin zu völliger sozialer Isolation. In ihrer klinischen Form ist es in der verhaltensmedizinischen Behandlung wichtig, Betroffene im Erkennen von Zusammenhängen zu unterstützen und zur Verantwortungsübernahme zu motivieren. Therapeuten sehen sich mit einer Haltung von Passivität und falschen Annahmen konfrontiert, dass sich das Gewicht automatisch nach unten korrigiert, wenn zugrundeliegende Probleme gelöst sind. Langfristige Änderungen in der Motivation, Sport zu treiben und die Ernährung umzustellen werden schwer eingesehen und sind von außen auch leicht gefordert. Aber haben Sie schon einmal versucht laufen zu gehen und gleichzeitig zwei volle Wasserkästen getragen? Die gesteigerte Beschäftigung mit Aussehen und Gewicht mit einem obligatorischen Ausprobieren von Diäten, mehr oder minder straffen Sportprogrammen oder kleinen Hungerkuren ist für Jugendliche (und Erwachsene) in unserer Gesellschaft durchaus normal geworden.

Im klinischen Alltag sind mir bis heute eine Vielzahl von jungen Frauen und wenige Männer begegnet, die alle ihre eigene „Geschichte“ mit der Essstörung hatten. Dabei gibt es den abrupten Beginn der Erkrankung, wie aus heiterem Himmel. Eine größere Schnittmenge erlebt eine lange Phase in der „alles gut geht“, bevor der Kontrollverlust eintritt und den Patienten bewusst wird, dass etwas nicht stimmt und ihr Sinn für normales Essverhalten längst verloren gegangen ist. Themengebiete schränken sich immer mehr auf Essen ein, während andere ausgeblendet werden und Gedanken drehen sich vornehmlich um Kalorien und Figur. Manche erzählen von Mobbing in der Schule und schon immer ein dickliches Kind gewesen zu sein, dass endlich einmal Lob bekommen hat, als es ein paar Kilogramm abgenommen hat und dann einfach nicht mehr aufhören konnte abzunehmen.

Auch bei anderen Störungsbildern können Essanfälle (Binge-Eating-Störung) aufreten in denen Betroffene übermäßig essen als eine Reaktion auf belastende Ereignisse und Stress wie Unfälle, Geburt oder Todesfälle.
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Andere sprechen direkt oder indirekt von dem Gefühl sich nicht genug angenommen gefühlt zu haben und einem raumgreifenden Gefühl nicht gut zu sein, wie man ist, egal was man tut. Leistung und Perfektion, die auch vom eigenen Körper gefordert werden, mutieren zum Ersatz für echte Liebe und Annahme. Die Essstörung wird als zu zahlender Preis für die Anerkennung von Eltern und Freunden in Kauf genommen. Dabei kann sie voller Scham und Versagensgefühle heimlich gelebt werden, was Gespräche und sich anvertrauen verhindert. So wird z.B. die Bulimie zur engsten Vertrauten, die immer da ist, wenn man sie braucht und die man ganz für sich alleine hat und die einem in schwierigen Situationen beisteht.

Es fehlen schließlich schlicht Alternativen, um die Essstörung einfach sein zu lassen, eine Vorstellung, die besonders von Familien und Angehörigen formuliert wird, die sich häufig mit Fragen von Schuld und Verantwortung quälen oder den Patienten und Patientinnen Vorwürfe machen. Die Essstörung nimmt immer mehr Raum im Leben der Betroffenen ein und vermindert die Lebensqualität. Dadurch kommt es oft zur zunehmenden Vernachlässigung von sozialen Kontakten und Aktivitäten, irgendwann zur Isolation, meist verbunden mit der Entwicklung von depressiven Verstimmungen. Dazu addieren sich ein starker Selbstwertverlust und bei bulimischen Formen oftmals finanzielle Schwierigkeiten durch den hohen Konsum von Nahrungsmitteln. Nicht selten sind auch Selbstverletzungen und Suizidgedanken. Spätestens zu diesem Zeitpunkt geht es den Betroffenen so schlecht, dass sie Hilfe suchen oder von ihren Angehörigen dazu überredet oder gezwungen werden.

Essstörung aus therapeutischer Sicht –
ein Erklärungsversuch

Sieben Jahre dauert es im Schnitt, bis Betroffene professionelle Hilfe erfahren. Aus therapeutischer Sicht sind Essstörungen multikausal verursacht. An der Entstehung ist eine Vielzahl nicht mehr zu entwirrender soziokultureller, biologischer und genetischer Einflüsse beteiligt, auch Traumata verschiedenster Art können eine Rolle spielen. Kardinalsymptome von Essstörungen sind Störungen des Körperbildes, Störungen der interozeptiven (Körperschema), propriozeptiven (Wahrnehmung von Reizen aus dem Körperinneren) und vor allem der emotionalen Wahrnehmung. Dahinter liegen oft fehlende, grundlegende zwischenmenschliche Kompetenzen wie etwa eigene Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen, was viele Betroffene nur schwer oder gar nicht erlernen konnten. Unter interaktionellen und beziehungsorientierten Faktoren der Störung spielen wahrscheinlich Defizite in der Mutter-Kind-Interaktion eine tragende Rolle.
Unter diesem Gesichtspunkt können Essstörungen als Entwicklungsstörungen verortet werden mit einem Mangel an erlebter angemessener Reaktion auf Bedürfnisäußerung, als Folge von Fehlinterpretationen und falschen Annahmen, Defizite von Selbsterfahrung, die insgesamt zu einer mangelnden Ausprägung eines Bewusstsein von sich selbst und einem gestörten Selbstkonzept und Körperempfinden führen. Die Gefühlstörungen wirken ungenau und unkonzeptionalisiert und es bestehen Annahmen, keine Kontrolle über eigene Empfindung zu haben als Ausdruck eines fehlenden „Selbst“-bewusstseins. In der nachfolgenden Reifung können wichtige Entwicklungsschritte schwer oder nicht gegangen werden. Die Unfähigkeit emotionale Bedeutungen im Kontakt mit anderen zu erkennen, führt zu ständigen Gefühlen von Einsamkeit, Gefühlen des nicht respektiert werdens und des ständig gekränkt und verletzt werdens und einem „alles durchdringenden Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit“, was zunehmend durch die Essstörung verzweifelt versucht wird zu regulieren.

 

Eine wichtige Säule in der Behandlung von Essstörungen sind verhaltenstherapeutische Konzepte, die im Zusammenhang mit stationären Behandlungsmaßnahmen näher beleuchtet werden sollen.
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Behandlung und Therapien von Essstörungen –
ein faszinierender Prozess zurück ins Leben.

Die rasche Zunahme der Anorexie in den 60er und 70er Jahren überforderte die damals noch junge Psychoanalyse, die nur kurzfristige Behandlungserfolge erzielen konnte und die Therapierbarkeit der Störung anzweifelte. Hilde Bruch, eine deutsch-amerikanische Ärztin und Psychoanalytikerin, die bis heute als weltweit führende Pionierin und Expertin auf dem Gebiet der Essstörungen gilt, beschreibt deren Therapie als einen Prozess des Entdecken lassen von Fähigkeiten, Reichtümern und inneren Kräften im Denken, Urteilen und Fühlen zur Förderung der Selbsterkenntnis, Selbstbestimmung, Initiative und Verantwortung. Mit ihrem Konzept „der vorurteilslosen Erkundungshaltung“ versuchte sie, den hohen Rückfallquoten analytischer Konzepte zu begegnen, die z.B. die Furcht vor sexuellen Bedürfnissen oder Ablehnung einer unbewusst ersehnten Schwangerschaft („Er versuchte mich zu überzeugen, dass ich in meinen Vater verliebt sei und dass ich nicht gesund werden könne, wenn ich es nicht zugäbe“) als primäre Ursache der Störung vermuteten.

Unabhängig wo deren Wurzel tatsächlich liegt, stellt die Therapie dieser Erkrankung die Helfer vor eine echte Herausforderung. Denn sobald eine Essstörung behandlungsbedürftig geworden ist, beginnt für alle Beteiligten ein anstrengender Weg und Kampf. Aufgrund der Seltenheit gestaltet sich die Erforschung der Erkrankung als auch der therapeutischen Spielräume und zu bevorzugenden Konzepte mühsam und schwierig. So gibt es nur wenige Studien mit Wirksamkeitsnachweisen. Gängige Therapieverfahren sind die Tiefenpsychologie, die sich in ihrer klassischen Form um eine Klärung, Bewusstmachung und Bearbeitung der hinter der Essstörung liegenden Konflikte und Probleme bemüht.

Unter therapeutischer Obhut nehmen die Patienten in Gemeinschaft anderer Essgestörter erst ihre Mahlzeiten zu sich und sprechen anschließend in der Gruppe über Körperempfindungen, Gedanken und Gefühle, die sie dabei gespürt haben.
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Eine wichtige Säule in der Behandlung von Essstörungen sind verhaltenstherapeutische Konzepte, die im Zusammenhang mit stationären Behandlungsmaßnahmen näher beleuchtet werden sollen.
Eine andere Behandlungsform sind Familientherapien und Systemische Therapien, die versuchen die familiären Rahmenbedingungen zu verändern und die Betroffene als „Symptomträger“ eines beziehungsgestörten Gefüges verstehen in der Krankheit als einzige Ausdrucksform zur Regulation erscheint.

Nicht alle Patienten eignen sich für eine ambulante Behandlung. So ist bei Anorexie ab einem bestimmten Körpergewicht eher eine stationäre Behandlung sinnvoll oder sogar unumgänglich. Auch entscheiden die sozialen Rahmenbedingungen darüber, ob es erfolgsversprechender erscheint die Betroffenen aus ihrer Umgebung herauszunehmen. Die Heilung einer Essstörung ist von außen betrachtet ein faszinierender Prozess zurück ins Leben. Viele Kliniken setzen in der Therapie auf gruppentherapeutische Konzepte („Gemeinsam ist man stark“) und, wie bereits oben schon erwähnt, Verhaltenstherapie.

Die Betroffenen müssen wieder ein normales Essverhalten lernen. Deshalb beginnt der Weg aus der Erkrankung häufig mit einer gezielten, „schonungslosen“ Analyse des gestörten Essverhaltens. In sogenannten Essprotokollen dokumentieren die Patienten was, wie viel, wann und warum sie mit welchem Hungergefühl zu sich genommen haben. Die richtige Einschätzung von Portionsgrößen muss genauso eingeübt werden, wie wieder neu zu entdecken, was es bedeutet tatsächlich Hunger zu haben. Unter therapeutischer Obhut nehmen die Patienten in Gemeinschaft anderer Essgestörter erst ihre Mahlzeiten zu sich und sprechen anschließend in der Gruppe über Körperempfindungen, Gedanken und Gefühle, die sie dabei gespürt haben. Dabei lassen sich gestörte Denkweisen (dysfunktionale Kognitionen) identifizieren, bearbeiten oder Situationen analysieren, die z.B zu einem Essanfall geführt haben.

Durch den Einsatz von Essverträgen, die Therapiebedingungen (Wie viel Sport ist erlaubt?), meist auch eine Mindestgewichtszunahme regeln, fühlen sich die Patienten oft unter Druck gesetzt, wobei die Verwendung auch von der Schwere der Erkrankung abhängt in der es zeitweise schlicht ums Überleben geht. Die Expertenmeinungen scheiden sich in der Frage, ob eine erreichte Gewichtszunahme bei anorektischen Störungen ein wirklicher Indikator für Therapieerfolg ist oder ob andere Kriterien nicht doch entscheidender sind. Eine wirksame Strategie kann der unterstützende Einsatz von neuroleptischer Medikation wie z.B Olanzapin sein, wenn eine Gewichtszunahme zu stark angstbesetzt ist, das Denken zu sehr eingeschränkt oder verzerrt ist.

 

Gängige Therapieverfahren zur Behandlung von Essstörungen sind die Tiefenpsychologie, die sich in ihrer klassischen Form um eine Klärung, Bewusstmachung und Bearbeitung der hinter der Essstörung liegenden Konflikte und Probleme bemüht.
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In jedem Fall sollte die Art und Weise der Beziehungsgestaltung betrachtet und besprochen werden. Wo werden Konflikte nicht besprochen oder ausgetragen? Welche Bedürfnisse hat der Patient in dieser Situation und warum? Welche Gefühle haben eine Rolle gespielt und um welche Emotionen handelt es sich genau? Die Therapie einer Essstörung erfordert in jedem Fall einen langen Atem, Geduld und die Kalkulation von Rückfällen, die allerdings auch eine besondere Chance bieten herauszufinden, was hinter der Angst dick zu sein oder einer erbrochenen Mahlzeit wirklich steckt. In einer vorsichtigen Schulung der Selbstwahrnehmung von Impulsen, Gefühlen, Gedanken und Bedürfnissen aus dem eigenen Inneren, kann der Patient Dinge entdecken die nur ihm gehören und sich langsam entdecken oder auch Alternativen erkunden. Die „Wir-Erfahrung“ in der Zusammenarbeit, das aktive zuhören und die wertschätzende Behandlung eigener Beiträge und der Person können verinnerlichte Muster von Entfremdung durchbrechen und die Selbstannahme Schritt für Schritt fördern.

Heilungschancen und Prognosen von Essstörungen

Die Heilungschancen für eine Essstörung hängen von einer Vielzahl von Faktoren ab wie etwa weitere kormobide Störungen, Dauer und Ausprägungsgrad oder von Chronifizierungsprozessen. Je jünger die Patienten sind und je früher sie sich in Therapie begeben, desto besser sind ihre Chance auf Heilung. Die Erfolgsaussichten sinken jedoch, je niedriger das Ausgangsgewicht ist und je länger die Erkrankung anhält. Nach einer Therapie schaffen es rund ein Drittel der Betroffenen, das Normalgewicht wieder zu erlangen und zu halten, das zweite Drittel nimmt zwar zu, bleibt aber ein Leben lang untergewichtig. Auch eine Konvertierung in eine andere Form von Essstörung, also von einer Anorexie zur Bulimie ist möglich. Ein Viertel leidet chronisch unter Magersucht. An dieser Stelle sei noch einmal die Gefährlichkeit, besonders von Anorexie betont, die einen tödlichen Verlauf nehmen kann. Betroffene sollten sich in jedem Fall schnellstmöglich professionelle Hilfe suchen, um einer Verschärfung der Symptomatik rechtzeitig entgegenzuwirken.


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