Sozialtherapeutische Ziele
Welche pädagogischen und sozialtherapeutischen Ziele verfolgen wir?
Die Rahmenbedingungen der Arbeit sind, wie oben ausgeführt, in der christlichen Anthropologie begründet. Diese Anthropologie sieht den Menschen als ein Beziehungswesen, das in einer Beziehung zu Gott, den Mitmenschen, zu sich selbst und der Welt lebt. Dieses vierdimensionale Beziehungssystem stellt in der pädagogischen Arbeit den sozialen Rahmen her und soll dem Betroffenen seine Würde und Freiheit im Hier und Heute durch die Wiederherstellung seiner Handlungsfähigkeit und sozialen Kompetenz wiedergeben.
Der Betroffene wird als ein soziales Subjekt begriffen, der durch seine psychische Problematik Ausgrenzung und Entmündigung erfuhr und durch pädagogische und sozialtherapeutische Maßnahmen wieder zu autonomem Denken, Handeln und Fühlen geführt wird. Dabei stehen das alltagspraktische und soziale Handeln im Vordergrund.
Wir verstehen unsere Arbeit als Ergänzung zu den rehabilitativen Bemühungen der Psychiatrie und Psychotherapie. Dabei tritt die pädagogische Arbeit jedoch gegenüber den therapeutischen Interventionen stark in den Vordergrund, um die Fähigkeit zum sozialen Interagieren und die Handlungskompetenz zu erweitern. Dabei werden Erkenntnisse und Methoden von Soziologie, Pädagogik und Psychologie sowie Theologie eingesetzt.
Wie oben ausgeführt liegt der Hauptakzent unserer Arbeit im de'ignis Wohnheim mit den meisten der Heimbewohner eher auf einer pädagogisch orientierten, betreuenden Tätigkeit mit Blick auf eine weitgehende Verselbständigung des Bewohners, was die alltagsorientierten, ständig wiederkehrenden Tätigkeiten und Verrichtungen (Hygiene, Körperpflege, regelmäßiger Tagesablauf etc.) betrifft. Darüber hinaus streben wir eine psychische Stabilisierung an, die die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und, soweit möglich, die Erweiterung der Arbeitsfähigkeit zum Ziel hat. Dies kann schrittweise geschehen durch eine differenzierte, an der Belastungsfähigkeit des Einzelnen orientierte Teilnahme an den im Haus angebotenen Möglichkeiten des Arbeitstrainings, bis hin zur Inanspruchnahme anderer Förderungsmaßnahmen. Zur Erreichung dieser Ziele wird eine enge Kooperation sowohl mit den entsprechenden staatlichen Stellen wie Arbeitsämtern, Fürsorgestellen, sozialen Integrationsdiensten, als auch der sozialpsychiatrischen Dienste angestrebt.
Die Arbeit geschieht im Rahmen einer Aufgabenteilung, um eine größtmögliche Optimierung und Koordination der verschiedenen Hilfsmöglichkeiten zu erzielen.
Dabei stehen für uns drei Leitbegriffe im Vordergrund:
1. ganzheitlich
2. sinngebend
3. persönlichkeitsentfaltend
Ganzheitlich steht für die Vermittlung eines sinnvoll ausgewogenen Lebensstiles zu dem sowohl Arbeit, aber auch kreative Freizeitbeschäftigung gehört. Der Bewohner kann bei uns mitentscheiden, in welchem der nachfolgend genannten Bereiche er sich einbringen möchte. Es gibt die Bereiche Verlag, Küche, Raumpflege, Wäsche und Tierhaltung. Der ganzheitliche Aspekt zeigt sich besonders darin, daß wir versuchen, über den Umgang mit Tieren wohltuende und heilende Aspekte aus der Schöpfung zu vermitteln. So arbeiten wir mit Pferden, Katzen, Aquarien etc., um das Verantwortungsbewußtsein und die Sensibilität gegenüber den Bedürfnissen für Lebewesen zu stärken, aber auch um Durchsetzungsvermögen und die Kommunikationsfähigkeit zu trainieren, insbesondere durch den Umgang mit den Pferden. Auch der freizeitpädagogische Bereich, zu dem im Sommer auch das regelmäßige Segeln auf dem Bodensee gehört, spielt dabei eine wichtige Rolle.
Der Begriff sinngebend soll zum Ausdruch bringen, daß der Mensch ein Wesen ist, das in sinngebenden Zusammenhängen lebt, was sich deutlich in der Ausprägung von Kultur im Sinne von Kunst (Literatur, Malerei und Musik) zeigt. Der Mensch kann sich nicht nur darauf beschränken, im Sinne von bloßem Funktionieren sein Dasein zu fristen. Für das psychische Wohlergehen spielen Fragen nach dem „Woher“, „Wohin“ und „Wozu“ des Lebens eine entscheidende Rolle. Auf diese Fragen gibt der christliche Glaube zutreffende und orientierungsgebende Antworten. Die adäquate Klärung der Sinnfrage ist für die psychische Gesundheit bzw. innere Heilung eines Menschen von ausschlaggebender Bedeutung. Auch die Erfahrung von Geborgenheit, Liebe und Annahme kann ein Mensch, dessen Vertrauensfähigkeit zerbrochen ist und der unter innerer Heimatlosigkeit leidet, in der Begegnung mit Gott, dem liebenden Vater und Jesus, dem verständnisvollen Freund und Erlöser geschenkt bekommen. Häufig sind wir auch damit beschäftigt, religiöse Ängste gegenüber Gott, unangebrachte Schuldgefühle oder Selbstanklagen durch die Veränderung des Gottesbildes aufzuarbeiten. Aber auch Orientierungshilfen, die wir aus der Bibel ableiten, helfen beim Aufbau eines gesunden und heilenden Lebensstiles.
Das dritte Stichwort persönlichkeitsentfaltend bedeutet, daß dies alles in einer Atmosphäre der Freiheit und des Respektes vor der Persönlichkeit und der Verantwortung des Hilfesuchenden für sich selbst geschehen soll. Deshalb arbeiten wir an einer konstruktiven, heilenden Atmosphäre im Haus, bei der sowohl Konfliktfähigkeit als auch Konfliktlösungsstrategien eingeübt werden und die Persönlichkeit im Sinne der christlichen Nächstenliebe sowohl bezüglich einer angemessenen Integrationsfähigkeit, als auch in Bezug auf die nötige Abgrenzungsfähigkeit unterstützt wird. Diese Zielsetzung erfordert bei der sozialtherapeutischen Arbeit Freiräume und oftmals sehr viel Zeit, da es sich um Prozesse der Persönlichkeitsentwicklung handelt.

